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Hermann Marsian:
HUNGARES - Ein Weltmeister und seine schleswig-holsteinischen Wurzeln.

Züchter der 1. Stunde: Anton ter Hazeborg vom Friesenhof bei Wankendorf.

Im Sommer 2006 eilte - mit einiger Verzögerung - folgende Meldung durch die einschlägigen Gazetten und Internetseiten:

2006 - Aachen - Weltmeister unter Miguel Vila Urach / Spanien. Der erste Weltmeister-Titel der WEG (World Equestrian Games) 2006 in Aachen wurde an einen Shagya-Araber vergeben: HUNGARES, geb. 1988 in Bábolna, gewann nach
160 km schwerer Strecke bei unfreundlichen Wetter- und Bodenverhältnissen überlegen diesen Titel. Er wurde 1998 in Bábolna als Siglavy Bagdady VIII-1 von Siglavy Bagdady VIII aus der 252 Kánya von O'Bajan XX (Pamino) gezogen.

HUNGARES
HUNGARES bei der Siegerehrung WEG in Aachen 2006

Vor einiger Zeit entdeckte ich im Internet eine interessante Datenbank zur Darstellung von Shagya-Araber-Abstammungstafeln. Diese Datenbank wird von den Herren Dr. Flade, Furrer und Zingg betreut und kann kostenlos auf der Internetseite www.shagya-database.ch benutzt werden, wie ich finde, ein wunderbares Angebot. Neugierig geworden gab ich dort den Namen "HUNGARES" ein. Ich war nicht wenig überrascht, als ich auf der Mutterseite der Abstammungstafel des HUNGARES nicht nur den Namen des von Anton ter Hazeborg gezüchteten und sehr bekannten BAJAR entdeckte. Darüber hinaus war auch die Mutterlinie des HUNGARES über drei Generationen auf dem Friesenhof von Anton ter Hazeborg in Wankendorf gepflegt worden. Damit hat ein nicht geringer Teil des großen Erfolges dieses arabischen Leistungspferdes seinen Ursprung in unserem Zuchtgebiet, nämlich auf dem Friesenhof.

Pedigree HUNGARES

Pedigree Hungares

Überall dort, wo in diesem Pedigree der Name Wankendorf auftaucht, steckt als Züchter Anton ter Hazeborg dahinter. Wer aber war Anton ter Hazeborg? Ich vermute, viele jüngere Araberliebhaber können mit diesem Namen nicht mehr viel anfangen. Deshalb drucke ich nachfolgend mit freundlicher Genehmigung der BLV-Verlagsgesellschaft, München, eine Passage aus Erika Schieles bekanntem Buch ARABER IN EUROPA Geschichte und Zucht des edlen arabischen Pferdes, 3.Auflage 1982 ab:

Araber-Gestüt Friesenhof, Familie ter Hazeborg, Wankendorf

Als Junge verbrachte Anton ter Hazeborg die Zeit am liebsten bei seinen Tauben und Kaninchen oder im Pferdestall. Araber sah er zum ersten Mal im Zirkus. Während des Krieges lernten er und sein Bruder die Genügsamkeit und Ausdauer kleiner Pferde mit viel Araberblut besonders schätzen. Damals entstand der Wunsch, auch einmal arabische Pferde zu besitzen und zu züchten. Nach dem Krieg übernahm er den elterlichen "Friesenhof" in Schleswig-Holstein. Als er entdeckte, daß sein Hof nur wenige Kilometer von den nach Schönböken und Nettelau evakuierten arabischen Pferden aus Janöw Podlaski entfernt lag, spannte er öfters seine braven Holsteiner an und kutschierte zu den edlen Verwandten. Selbstverständlich fuhr er auch zur Versteigerung überzähliger Pferde am 30.7.1945, denn er fieberte danach, "mal was ganz Feines" im Stall zu haben.

Mit der 1923 in Röblingen geborenen AMRA KUSEJR (Ali Or. Ar. - Nigra Zscheiplitz) und ihrem wenige Tage alten Stutfohlen *FUMANA von Amurath Sahib sowie der Janöwerin *IPOMEA (Muezin-Dziewanna) 1927, die ihm 1946 das Stutfohlen *GAMA von Landsknecht brachte, kehrte er auf den Friesenhof zurück und ließ sie zunächst auf die Weide. "Am Abend wollten wir die Pferde in den Stall holen", erinnert sich ter Hazeborg. "Die AMRA KUSEJR ging auch ruhig mit, aber die *IPOMEA riß sich los und lief fort, die kleine *FUMANA rannte mit. Es ging querfeldein durch hohes Getreide, Raps, Rüben, Klee in Richtung Nettelau. Obwohl wir gleich mit Fahrrädern hinterherfuhren, waren die Pferde bald unseren Augen entschwunden. Den Kopf der Stute konnten wir anfangs noch gelegentlich sehen, aber das Fohlen war im Getreide nicht auszumachen. Als wir in Nettelau ankamen, grasten beide bereits friedlich auf einer Weide. Weder der Stute noch dem Fohlen war die 5 km lange Jagd anzumerken."

Pferd
SUAKIM (Sultan-Gama) 1963-1979

Endlich standen Araber in seinem Stall, aber er durfte sich nicht lange an ihnen erfreuen; die Behörden drehten ihm einen Strick: "Was, Sie wollen Hafer für Luxustiere, wo wir nicht einmal genug für Arbeitspferde haben? Entweder Ihre feinen Araber gehen vor dem Pflug oder zum Metzger!" Ter Hazeborg schwieg und sparte sich für seine Araber das Brot vom Munde ab. Die alten Stuten auf Schleswig-Holsteins schwere Äcker zur Arbeit zu schicken, das brachte er nicht übers Herz. Aber das Brot reichte auch nicht, und so verkaufte er sie 1946 einem Traberzüchter, der leichteren Bedingungen unterlag. Nur *FUMANA und *GAMA behielt er.

Mit der allmählichen Lockerung der Haferzuteilungen wuchs der Araberbestand auf dem Friesenhof allmählich und gedieh gut. Von Herrn Otto Jansen in Mühlenbrook kam *SAIIIB ACHARA (Amurath Sahib-Achara Nigra) 1944, die Mutter des späteren Celler Landbeschälers HASSAN (v. *Hazard) 1951, von Achental kam KANYA (*Zephir-*Comtesse) 1951 und von Herrn Wilhelm Hansen die polnische Araber-Vollblut-Stute *EUROPA (Witraz-Zbroja) 1944.

1948 erfuhr ter Hazeborg, daß bei Hagenbeck ein polnischer Vollblutaraber geschlachtet und an Raubtiere verfüttert werden solle. Es handelte sich um *HAZARD (Ricardo-Hadudi) 1930, der in hohem Alter in Hamburg-Horn ohne vorheriges Training in ein Rennen gegen Englische Vollblüter geschickt worden war, in dem er zwar Vierter wurde, aber einen Niederbruch erlitt. Über ein Jahr war er bereits erfolglos behandelt worden. Nach vielen Telefongesprächen mit Frau Hagenbeck konnte ter Hazeborg ihn schließlich kaufen; als erster Hengst humpelte *HAZARD auf den Friesenhof. Es dauerte noch ein Jahr, bis er wieder geritten und als Deckhengst eingesetzt werden konnte. Leider verunglückte er 1953 tödlich.

Ter Hazeborg wandte sich nun an den letzten Kommandanten von Bábolna, Obstlt.v. Arentschildt, der sich an den Schimmelhengst *SULTAN erinnerte, den er 1944 mit nach Deutschland evakuiert hatte. Dieser vorzügliche Hengst, der eigentlich O'BAJAN VII-4 (0'Bajan VII-82 Shagya XX) 1936 hieß, hatte sich in der Nachkriegszeit sein Futter als Gelegenheitsarbeiter verdienen müssen, sei es vor Hochzeitskutschen oder als "Schimmelreiter" auf der Bühne. Seine Eigentümerin, Frau Edith Haag, wollte ihn eigentlich nicht hergeben, aber eines Tages trat *SULTAN dennoch die Reise von Karlsruhe nach Wankendorf an.

"Tagelang könnte ich von *SULTAN erzählen", meint ter Hazeborg, "denn er gehörte zur Familie. Einmal bemerkte ich im Stall, wie ein Lehrling ihn mit dem Striegel schlug, weil er sich nur von einer Seite putzen ließ, aber nach dem Jungen schnappte und ihn wegschubste, wenn er ihn herumdrehen wollte. Da schaute ich selbst über den Krippenrand und entdeckte die Ursache: In der Nacht hatte seine Lieblingskatze drei Junge geboren und vor seinen rechten Vorderfuß gebettet, die wollte er nun schützen. Ja, so war unser *SULTAN!"

Pferd
SULTAN ex *OSAJAN VII-4 (0'Bajan VII82 Shagya XXII) 1936-1965

Als Edith Haag 1962 den Rundfunkreporter und Reiter Fritz Knippenberg heiratete, wollte das junge Paar *SULTAN zurückkaufen. Ter Hazeborg willigte ein, und *SULTAN kehrte nach Karlsruhe zurück. Am 7.April 1965 wurde er 29 Jahre alt. Der Circus Krone, der damals dort gastierte, veranstaltete eine Geburtstagsfeier mit Äpfel-Möhren-Festmahl für ihn und seinen 11jährigen Sohn HAGAR a. d. *Fikeja, der inzwischen bei Krone eine erfolgreiche Zirkuslaufbahn eingeschlagen hatte.

Nach einem Fernsehspiel "Tierliebe oder Tierquälerei", das unerfreuliche Zustände in einem privaten Reitstall bei Bullach anprangerte, erhielt Knippenberg anonyme Drohungen, und am 15.April 1965 fand er *SULTAN vergiftet im Stall. Vergeblich versuchte ter Hazeborg, HAGAR vom Circus Krone zurückzukaufen. "Nicht für alles Geld in der Welt!", winkte Herr Sembach-Krone ab. "HAGAR ist mein Solostar, den ich außerdem überall einschieben kann, wenn ein anderer Hengst einmal ausfällt."

*SULTANS Nachfolger wurde zunächst der ebenfalls aus Bábolna stammende *0'BAJAN X-5 (0'Bajan X-104 Gazal VI) 1954, den ter Hazeborg 1963 gekauft hatte und der über ein außerordentliches Springvermögen verfügte, und dann sein Sohn SUAKIM (*Sultan-Gama) 1963-1970. Alle Pferde - Araber wie Holsteiner - mußten unter dem Sattel und im Geschirr gehen und auf dem Feld arbeiten, denn zum Friesenhof gehören 40ha Landwirtschaft. Dabei staunte ter Hazeborg immer wieder, wie leichtfuttrig die Araber waren und wie lebendig noch, wenn die Holsteiner nach einem arbeitsreichen Tag längst schon die Köpfe hängen ließen. In der Tauben- und Kaninchenzucht der Jugendzeit und später in der Schweinezucht hatte ter Hazeborg beste Erfahrungen mit der Inzucht gemacht, daher wandte er sie mit Erfolg auch in der Araberzucht an. Ja, er wagte sogar die Inzestzucht, indem er die 1961 geborene GAZELLE (*Sultan-*Gama) mit ihrem zwei Jahre jüngeren Vollbruder SUAKIM paarte. Das beste Produkt daraus ist der Hengst B AJAR im Besitz von Manfred Hansen.

Pferd
BAJAR (Suakim-Gazelle) 1969. An den Leinen: Manfred Hansen

1971 zog sich Anton ter Hazeborg aufs Altenteil zurück und übergab den Friesenhof seinem Sohn Follrich, der nun mit der Landwirtschaft und Schweinezucht voll ausgelastet ist und wenig Zeit für Pferde hat. Daher ist KANNA (*0'Bajan X-5-Kaaba) 1965, eine Enkelin der KANYA, als einzige Shagya-Zuchtstute übriggeblieben. Alle anderen Shagyas sind entweder verkauft oder gestorben. Da Anton ter Hazeborg jedoch nicht" ganz ohne" sein kann, hat er sich 1976 von Herrn von Kameke das Araber-VollblutStutfohlen MASORA (Farouss-Makata) gekauft.

Soweit der Auszug aus Erika Schieles Buch: Araber in Europa. Anton ter Hazeborg ist schon vor etlichen Jahren verstorben. Die beiden übrig geblieben Araberstuten haben noch viele Jahre ihren Lebensabend auf dem Friesenhof verbringen dürfen.

Für mich hat dieser Friesenhof und Anton ter Hazeborg immer eine besondere Bedeutung gehabt, denn dort habe ich Mitte der 70er Jahre mein "Erweckungserlebnis" in Sachen Arabische Pferde gehabt. Eine Bekannte bat mich damals, ihr bei der Suche nach einem Reitpferd behilflich zu sein und ein Pferd schauten wir uns auf dem Friesenhof an. Dort sah ich, der ich aus dem Warmblutlager kam, zum ersten Mal bewusst einen Araber, und zwar eine wunderschöne Fliegenschimmelstute im Gegenlicht der Abendsonne. Es muss KANNA gewesen sein, die Ururgrossmutter des HUNGARES. Und wie der Zufall es will kaufte ich rund 10 Jahre später den Hof Stubben, der fast in Sichtweite des Friesenhofes liegt. Und Follrich ter Hazeborg pflügt den Acker in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem Hof und wir dürfen unseren Pferdemist im Herbst dort immer ausfahren, wofür wir ihm sehr dankbar sind. Seit wenigen Monaten haben wir auch erstmals zwei Shagyas in unserem Stall stehen. So schließt sich der Kreis.

Die in Erika Schieles Buch genannten Stuten und Hengste, die eine Rolle in der Shagya-Zucht des Friesenhofes gespielt haben, finden sich alle wieder im Pedigree von Hungares Mutter 252 Kànya von O'Bajan XX (Pamino) v. Bajar und der Kamara - Kansaj - Kanna - Kaaba - Kanya. Der oben genannte und abgebildete Sultan taucht alleine viermal in der vierten Generation der 252 Kànya auf.


In Band 2 des Deutschen Stutbuches für Reinzucht Shagya-Araber sind Kansaj, Kanna und Kaaba abgebildet. Diese Bilder gebe ich hier wieder. Vor Kanna sieht man Anton ter Hazeborg stehen. Geknipst hat diese drei Bilder Dr. Gramatzki, der immer eine Kamera dabei hatte, wenn er auf Eintragungstour war.

Pferd
KAABA (Sultan-Kanya) 1960

Pferd
KANNA (O'Bajan-Kaaba) 1965. Vor ihr steht Anton ter Hazeborg

Pferd
KANSAJ (Suakim-Kanna) 1970

Bliebe nur noch die Frage zu klären: Wie kamen die Shagyas mit der ter Hazeborg'schen Abstammung nach Bábolna, der Heimat des HUNGARES? Aber das ist eine andere Geschichte; sie spielt in der Wendezeit zu Anfang der 90er Jahre, und sie spielt nicht mehr in Schleswig-Holstein.

Hermann Marsian

 

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